Texte: Auszug aus „Smalltown Blues“

Melanie

Wir sitzen in der Kaffeeküche. „Heute ist der Chef nicht da, dafür seine Tochter“, sagt Bettina, während sie Wasser in die Kaffeemaschine schüttet. „Die krempelt den ganzen Laden um. Katja hat in einem Salon in Stuttgart gelernt. Jetzt ist sie zurück, und übernächstes Jahr will ihr Vater in Rente gehen. Bis dahin soll sie den Laden hier im Griff haben. Sie will alles umdekorieren. Herr Krause ist davon natürlich nicht begeistert. Aber es wäre toll, wenn wir jüngeres Publikum bekommen würden, findest du nicht?“

Die Tür geht, es klingelt, und Katja erscheint in der Tür. Ich drehe mich um, mein Lächeln bleibt stecken. Ich starre sie an. Sie sieht aus wie Annie Lennox.

„Hallo“, sagt sie, die Pizzakartons auf dem Arm, lächelt mir mit schmalen, rot geschminkten Lippen entgegen. Sie ist erwachsen. Also cool erwachsen. Ihr macht niemand was vor, das sieht man sofort. Sie lässt sich auf den Stuhl neben mir fallen.

Bettina stellt uns Kaffee hin, holt Teller aus dem Schrank, verteilt Haushaltsrolle. Katja packt die Pizza aus und strahlt mich mit blaugrauen Augen an. Die Pizza ist schon in Stücke geschnitten. „Du bist also Bettinas Schwester“, sagt sie. „Schön, dich kennenzulernen.“

Sie stellt mir Fragen, während wir essen. Was ich mache und ob ich auch Frau Baum in Mathe habe. Mathe und Physik habe sie am liebsten gemacht. Sie tut so, als wäre sie gestern noch zur Schule gegangen. Das kann doch gar nicht sein, dass einen das interessiert, wenn man erst mal weg war.

„Melanie zeichnet voll super. Letzte Woche hat sie ein Porträt von mir gemacht“, sagt Bettina.

Ich trete ihr unter dem Tisch gegen das Schienbein. Aber das hilft jetzt natürlich nichts mehr.

Katja zieht ihre Augenbrauen hoch. Die schwarzen Striche bilden zwei gerade, zarte Linien unter ihrer Stirn. Man müsste sie mit Tusche zeichnen. Ich werde mir Tusche zu Weihnachten wünschen. „Wow“, sagt sie.

Dann reden sie zum Glück von der Arbeit; Bettina erzählt von der Stammkundschaft, und Katja fragt, ob sie Deko-Ideen hat. „Oder du vielleicht?“, fragt sie mich auf einmal. „Ich meine, wenn du Künstlerin bist …“

Ich habe überhaupt keine Ideen. Ich bin keine Künstlerin, also unter ’ner Künstlerin verstehe ich wirklich was anderes. Sie dagegen ist die schönste Frau, mit der ich je in einer Küche saß. Ich habe doch keine Ahnung, was überhaupt in so ein Schaufenster reinmuss.

Bettina unterbricht sie, schnippt mit den Fingern. „Hey, Melli, der Wald“, sagt sie.

Ich fixiere eine Peperoni auf meiner Pizza, umrahmt von drei schwarzen Oliven. Aber was ich wirklich sehe, ist Katjas hohe Stirn, auf der man erste dünne Falten sieht. Und ihre blond gefärbten Haare. Ich stelle mir vor, wie Bettina ihr die Haare färbt, und ich möchte sie gerne wegstoßen. Ich möchte Katja die Haare färben. Ich möchte ihr Porträt zeichnen und es ins Schaufenster stellen. Und dann laut Here Comes the Rain Again aufdrehen und mit ihr durch den Salon wirbeln. „Wir holen den Wald ins Schaufenster“, wiederholt Bettina mit leuchtenden Augen. „Meine Schwester ist Expertin für den Wald, und das passt doch super für den Herbst.“

Das Laub wirbelt durch meinen Kopf. Katjas Haare sind jetzt rot gefärbt, wie in dem Video von Sweet Dreams. „Ich weiß nicht“, sage ich.

„Mensch“, sagt Katja. „Das klingt doch super. Wir machen einfach einen Plan. Und wenn alles perfekt ist, stellen wir ihn meinem Vater vor. Dann kann er nicht mehr Nein sagen.“

Bettina lacht. Sie sieht irgendwie müde aus, und gleichzeitig ganz aufgekratzt. Als ob sie zu viel Party gemacht hätte. Nur dass sie kaum noch ausgeht, seit sie bei Julian wohnt. Katja sieht aus, als würde sie in die Disco gehen. Eine coole Indie-Disco in Stuttgart. Natürlich wird sie ein Auto haben. Und einen Freund sicher auch. Ich hab noch nicht mal die Hälfte von meiner Pizza gegessen, aber ich kann nicht mehr. Ich muss sofort auf die Toilette; am liebsten würde ich ganz raus hier, schnell weg. Für Katja bin ich doch ein Mädchen. Die kleine Schwester. Das hier ist alles eine Nummer zu groß für mich. Schaufensterdeko.

„Und, kannst du morgen Abend?“, fragt Bettina.

„Klar.“ Mein Kopf dreht sich. Ich werde Chantal absagen müssen. Chantal hat sicher auch Samstag Zeit.

„Wollt ihr zu mir kommen?“, fragt Katja. Wir schlagen ein, wir geben uns fünf. Katja hat sehnige, kräftige Hände. Arbeiterhände.

„Dann wollen wir mal wieder.“ Bettina steht auf und gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Und du denkst dir bis morgen was aus“, sagt sie zu mir. „Wir zählen auf dich!“